10.12.13

tag der menschenrechte































„Jeder Mensch hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.“
(Artikel 3 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: Recht auf Leben)


kurze windstilleschlafunterbrechung. weil an einem tag wie diesem die eigene ruhe nicht oberste priorität haben kann, stillsein, schweigen höchstens passt, weil die worte fehlen angesichts so vieler die menschenrechte mit füßen tretender ungeheuerlichkeiten.

den blick auf einen kleinen ausschnitt davon richtend, habe ich vor jahren eine arbeit zur todesstrafe gemacht: last meal || letzte mahlzeit. ausgangspunkt dafür war eine liste der von zum tode verurteilten us-häftlingen bestellten »henkersmahlzeiten« (was für ein wort, es klingt so ir- und surreal wie die tatsächlichkeit der tatsache selbst erscheint), auf die ich vor langer zeit einmal gestoßen bin, ohne eigentlich danach gesucht zu haben, und die sich mir in herz und seele gebohrt und mich gedanklich von da an nicht mehr losgelassen hat. zunächst hatte ich eine malerische umsetzung geplant, sämtliche skizzen und entwürfe aber wieder verworfen und mit ihnen vorübergehend auch das projekt insgesamt — bis es irgendwann wieder eindringlicher anklopfte; und mit einem mal war klar, dass es eine kreuzsticharbeit werden würde.


hier der ausstellungstext dazu:

Last Meal || Letzte Mahlzeit

Eine der tiefgreifendsten Verletzungen des Rechts auf Leben besteht in der staatlich organisierten und vollstreckten Todesstrafe. In archaischer Zeit kodifiziert ist sie derzeit in 58 Staaten weltweit gesetzlich verankert. In 31 Bundesstaaten der USA, dem Aushängeschild in Sachen zivilisatorischer Fortschrittlichkeit, wird die Todesstrafe heute noch praktiziert. 

So alt wie die Todesstrafe ist die Tradition der Henkersmahlzeit: Der dem Tode geweihten Person wird das Recht zugestanden, eine letzte Wunschmahlzeit zu wählen, einen letzten freien Willensakt zu vollziehen. Die Henkersmahlzeit als Metapher für die Verbrämung des Todes mit dem Leben.

Der Mensch ist, was er isst. Verdichtet in diesem berühmten Satz Feuerbachs wird die Wahl der letzten Mahlzeit über ein bezeichnendes und gleichermaßen intimes Ritual hinaus zum Sinnbild dessen, der sie trifft, erlangt das Mahl selbst identitätsstiftenden Charakter, wird zum individuellen Vermächtnis und posthumen Porträt. 

Letzte Mahlzeiten – materialisiert in Form von Bestellungen, wie sie von Todeskandidat(inn)en in US-Gefängnissen aufgegeben wurden, ausgeführt als an Spruchdeckchen angelehnte Kreuzstickereien, die ihrerseits auf eine lange Tradition zurückblicken und – häufig über dem Esstisch angebracht – als destillierter Ausdruck von bürgerlicher Ordnung und häuslicher Gemütlichkeit fungieren, die sie, aufgefüllt mit neuen, inkongruenten Inhalten, konterkarieren. 
(Ulrike Krawagna)
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beim im zuge des schreibens dieses posts unternommenen (und im übrigen leider gescheiterten) versuch, die auflistung der bestellungen in den weiten des weltweiten gewebes wiederzufinden, habe ich eine reihe anderer, mitunter ganz großartiger künstlerischer auseinandersetzungen mit dem thema entdeckt, die vornehmlich mit der fotografischen darstellung der letzten mahlzeiten arbeiten (diese zum beispiel oder auch diese). und unbedingt empfehlenswert auch dieser text.

Kommentare :

  1. Sehr beeindruckend, liebe ulma..
    und ganz schön heftig auf nüchternen Magen.
    Danke
    und liebe Grüße Barbara

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  2. Darüber hatte ich auch schon gelesen. Danke für die Erinnerung. Sehr sehr unterschiedliche Gedanken gehen mir dazu durch den Kopf. Unkritisch zur Todesstrafe - nein.
    "Interessant" auch die Liste der Länder mit den zahlreichsten Hinrichtungen.
    Beeindruckend finde ich Deine Umsetzung. Sehr stimmig, die Argumentation. Im ersten Moment, vor dem Text, ein Stutzen, ein Essensautomat?

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  3. sprachlos bin ich. einmal mehr, liebe ulma!
    sprachlos und berührt.
    gedanken nachhängend und wie immer, bei diesem thema, schnürrt es mir das herz ein stückchen mehr zu.
    hab dank fürs nicht vergessen machen.
    hab dank für diese arbeit, ulma.

    küsse
    eni

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  4. Das hast Du wirklich unglaublich eindrücklich umgesetzt. Ich habe Gänsehaut.
    Liebe Grüße.

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  5. In meiner (Fast-Blog-)Pause finde ich auch dauernd..., wie nun bei dir und damit auch wieder etwas von dir und über dich. Danke! Lieben Gruß Ghislana

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  6. du triffst mich mitten ins herz.

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  7. lastmealproject kenne ich schon. hat mir beim ersten mal einen eisigen schauer über den rücken gejagt. interessant, dass sämtliche soziologische studien belegen, dass die todesstrafe nicht nur keine abschreckende wirkung hat – sondern im gegenteil – tötung als lösungsansatz legitimiert...

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  8. Beeindruckend beklemmend.

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  9. food for thought, impressive, subliminal work...

    and yet here i am on a light hearted mission...
    if you feel like a little challenge, ... : our new drawing challenge theme is up.
    we'd love to have you!
    n♥

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  10. ganz, ganz starke arbeit. der zusammenhang zwischen den gekappten menschenrechten der todesstrafe und der bürgerlichen heilewelt-stickkunst ist sehr beeindruckend. der sz artikel hat mich total aufgewühlt und die fotos von jonathan kambouris sind erschütternd.
    danke für diesen post!

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  11. Anonym10.12.13

    das war doch mal im neon, oder?

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    1. ich gestehe: ich hab das neon noch nie gelesen ... wenn du mit "das" meine arbeit meinst, dann bestimmt nicht :)

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    2. Anonym10.12.13

      war nicht bös gemeint, aber im neon war genau dasselbe thema, ähnlich dargestellt. hat mich halt dran erinnert...

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    3. o, hab ich auch nicht im allergeringsten als bös aufgefasst. interessant aber. muss ich mal recherchieren. wann war denn das ungefähr?

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  12. liebe ulma,
    danke dir für diesen beitrag.
    ich bin gerührt und sprachlos zugleich.
    lg andrea

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  13. liebe ulma, vielen dank für diesen post. eine gute möglichkeit die weihnachtszeit zu nutzen um innezuhalten (und nicht nur an kerzenschein, heimeligkeit und geschenke zu denken). liebe grüße

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  14. Eine Generation vor mir waren es noch viele, die auf die Straße gingen, um zu demonstrieren *Kein Krieg für Öl*, beispielsweise.
    Meine Generation und die jüngere ist mir in weiten Teilen zu wenig kritisch, zu wenig politisch, zu wenig Weltenbürger. Hauptsache Fun und Konsum stimmen. Gut, sehr gut finde ich es daher, wenn auch Mme Kunst sich schwierigen Themen nähert.

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    1. ich bin, wie so oft, bei dir, liebe micha. fun und konsum, olè. das bringt uns gewiss weiter.

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  15. Liebe Ulma,
    wie gut. Wie beklemmend zugleich. Und die Ausdrucksform des Kreuzstiches erwischt mich in diesem Kontext besonders. Symbolisiert sie doch aus frühen Tagen die heile Familienwelt und Werte, dargestellt in Sinnsprüchen.

    Darf ich es wagen?

    Ich bin wütend auf jeden dieser "Tage".
    Weltkindertag. Weltfrauentag. Weltautistentag.
    Was soll das bedeuten?
    An einem Tag wird übergeordnet (von der Kanzel gepredigt?) zusammengefaßt, was weltweit für diese Bevölkerungsgruppe schief läuft und dann geht es 364 Resttage so weiter?
    Eine Frau ist ein Teil der Gesellschaft, mengenmäßig und auch in vielerlei anderer Hinsicht nicht zu unterschätzen.
    Ein Kind sollte geliebt werden.
    Ein Mensch mit Beeinträchtigung welcher Art auch immer ist ein Mensch. Nicht mehr und nicht weniger. Halt nur einer, der bestimmte Dinge nicht so gut kann wie ein anderer. Ich z.B. kann nicht zeichnen. Jeder kann irgendetwas nicht oder nicht so erfolgreich wie ein anderer.

    Weißt Du, wo ich hin will?
    Ich empöre mich über scheinbare Randgruppentage, die doch wie alle Tage des Jahres Tage sind, an denen diese Menschen leben, lieben, lachen, weinen ...

    Ein Tag für die Menschenrechte. Juhu.
    Ein Tag für die Luft zum Atmen? Gibt es den auch schon? Und fände man das nicht zu Recht absurd?

    So vieles läuft so schief, das symbolisiert die Einrichtung dieser Tage.

    Wenn wir Menschen als Menschen wahrnähmen, jeder von uns, weltweit, wie viele von diesen Tagen wären überflüssig?

    Interessant übrigens, dass der Weltmännertag erst seit 2000 begangen wird. Themen: Männergesundheit und Wehrpflicht. Rührend.

    Ich herze Dich.
    Und schätze Deine Worte und Deine Arbeit sehr.
    Nina

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    1. liebe nina, wie recht du hast. beim schreiben meines posts hab ich mir auch tatsächlich gedacht, naja, an einem tag wie diesem nicht darüber schweigen, das ist ja schön und gut, impliziert aber doch, dass es sonst in ordnung oder wenigstens nicht so wichtig sei. schlimm genug, dass es überhaupt anlass gibt für solche tage, ich finde auch. so wie die dinge stehen, meine ich aber, dass sie gut sind, zumindest als kleine wachrüttler.

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  16. oh ulma, mir fehlen die worte! erstens das thema und dann deine umsetzung. alleine das wort kreuzstich in diesem zusammenhang brennt im mund. mano schreibt es sowieso treffend. diese heileweltposse und die absurdität einer letzten "wunscherfüllung", die dann auch noch eingeschränkt ist...
    liebe ulma, dank dir. das rüttlet wach und auf.

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  17. Wahnsinn. Absolut.

    Bei dem Satzteil "… einen letzten freien Willensakt zu vollziehen …" stockte mir kurz das Herz.
    Ich finde es gut das auch mal so einThema in der eher frohen, meist lockeren Bloggerwelt vorkommt.
    Zum (nach)denken anregen finde ich noch besser.

    Vielen Dank für diesen Post. Verborgene Gedanken kann man nicht oft genug wach rütteln.

    Liebste Grüße

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  18. Der Tod ist immer eine Strafe...und wir sollten uns nicht zum Richter machen...schon gar nicht , wenn es um den Tod geht...Manche haben nichts verbrochen...und müssen trotzdem sterben...LG Lotta...die heute sehr traurig ist....

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  19. es gibt mittlerweile so viel, was abgeschafft gehört! eines davon hast du mir heute auf deine besondere art in erinnerung gerufen. danke dafür, liebe ulma...
    nachdenkliche grüße

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  20. Mir stößt ja gerade heute besonders ungut auf, dass kein österreichischer Verreter in Südafrika ist...

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  21. In all den vorweihnachtlichen Glitzer-Freude-Kaufrausch-Beiträgen taucht nun deiner auf. Mir wird bei dem Thema Todesstrafe oder anderen Menschenrechtsverletzungen immer richtig übel und doch finde ich es wichtig immer wieder darüber zu reden. Dafür sind diese Tage gut, auch wenn ich Nina in ihren Bedenken zustimme.
    Liebste Ulma, einmal mehr freue ich mich über deine Worte und Gedankenanstöße und bin begeistert von deinem Kunstprojekt.
    Deine Eva

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  22. tiefgreifend…eine wichtige arbeit….
    danke dir!

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  23. Dazu konnte ich gestern gar nicht viel schreiben, und auch heute fällt mir gar nicht so viel ein. Außer, dass hier die Grenze von Handwerk und Design zu Kunst überschritten wird. Es schnürt einem die Kehle zu, die Henkersmahlzeit, nicht? Was für Menschen wird Raum gegeben, andere kalten Blutes zu töten, und wenn es nicht Menschen sind, die diesen Raum suchen - was tut ihnen dieser Beruf, der des Henkers, den es nicht geben darf, dann an? Wie tiefgreifend und grotesk führt sich eine Justiz selbst ad absurdum, wenn sie, ohne jede Notwendigkeit durch erforderliche Notwehr die tötet, die getötet haben? Bei Kindern ist eine elterliche Erziehung, die auf Doppelmoral fußt, nachhaltig schädlich. Was tut ein staatliches Vorbild, das diese Doppelmoral als Lösungsweg geradezu stolz ins Feld führt als Argument für eine Wiederwahl ihrer Befürworter, seinen Bürgern an?
    Das Schlimmste, was ein Mensch tun kann, ist, einen anderen zu entmenschlichen. Todesstrafe entmenschlicht. Die Henkersmahlzeit führt das Menschsein des Entmenschlichten ausgesprochen konturenscharf vor Augen.

    Danke für Text und Bilder, Du. So gut ist beides, dass es nicht genug Eimer auf der Welt gibt für die Menge, die man kotzen müsste angesichts des Elends, das sie auf den Punkt bringen. Für mich ist das übrigens sehr weihnachtlich, dabei bin ich gar nicht christlich. Aber in trauter Runde ein wenig hinausdenken in die Welt und wünschen, dass es darin weniger Elend gäbe, darin steckt mehr Weihnachten für mich als in tausend hübschen Strohsternchen.

    Doch noch lang geworden. Huch.

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danke für deine zeit.