24.6.15

wie weiter


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wie weiter? – das ist eine frage, die mich immer und immer wieder beschäftigt, im letzten jahr ganz besonders, dieser tage wieder mit schneidendem nachdruck. die paralyse braucht ihren platz; ich halte es nicht für gut, vielleicht noch nicht einmal für möglich, sie aufzubrechen. aber behutsam einen bewegungshauch, ein teilchenzittern in sie zu bringen, erscheint mir wichtig. nicht eine weitere zäsur an die zäsur anfügen, auf ihre art gewaltsam, verkrampfter normalitätsoktroy, mit einem wimpernschlag retour, wohin es ohnedies keinen weg mehr gibt. einen ganz bewussten wendepunkt zu setzen, der nicht wegschiebt, sondern das geschehene integriert, in all seiner traurigkeit und unbegreiflichkeit, darin etwas wurzeln lässt, daraus etwas sprießen lässt – das sehe ich als eine möglichkeit des umgangs, eine respektvolle und gesunde.

mir schnürt es die luftröhre ab, je näher ich dem nur zehn fußminuten entfernten herz der stadt komme. nicht der feinstaub macht das dieser tage, sondern die drückende traurigkeit, die sich wie tauschwer über die orte, die menschen, das leben überhaupt gelegt hat. noch kann ich es vermeiden, dorthin zu gehen, wo ich mich sonst nahezu täglich aufhalte, zumindest durchbewege. ich war nicht dort, im gegensatz zu so vielen anderen, auch freundinnen und freunden, bekannten von mir, von uns. ich bin nicht direkt betroffen, meine lieben sind gesund, ich kenne niemanden persönlich, der verletzt worden ist. dafür bin ich in einem maße dankbar, wie es nicht der fall ist, wenn die wahrscheinlichkeit des anderen einfach aus geografischen gründen nicht zu dieser wahrnehmungsvirulenz gelangt.

ich werde demnächst eine kerze nehmen und mich dorthin begeben, sie anzünden und so einen wendepunkt für mich setzen an diesem ort, im anzünden der kerze der opfer gedenken und ihren angehörigen gute gedanken schicken und der traurigkeit ein licht einpflanzen, einen hoffnungsschimmer.

was die kerze am ort des geschehens sein soll, soll der grüne hoffnungsschriftzug auf weißem grund an diesem virtuellen ort hier sein :: eine form des »weiter«, die ihren keim hat in der erinnerung an die solidarität, an den zusammenhalt, an die menschlichkeit, an das verbindende. und ich werde mir ein weißes armband mit diesem schriftzug darauf kaufen, um die initiative »graz trägt hoffnung« zu unterstützen, ja dazu zu sagen, ein sichtbares zeichen zu setzen – als sinnbild für die unauffälligen, viel weniger augenscheinlichen und zugleich viel bedeutungsvolleren, notwendigeren kleinen gesten des miteinanders, des füreinender-da-seins, die glücklicherweise die welt durchwehen und die zu nähren wir alle bemüht sein sollten, tag für tag.

wie weiter? – im herzen tragend und auf das leben schauend, denn nur da können wir etwas tun. ich glaube, das ist meine antwort.

Kommentare :

  1. Ach liebe Ulma.... meine Gedanken sind oft in Graz. Es ist schrecklich und deine Antwort ist wohl das einzig Lebbare...

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  2. Dein letzter Satz sagt alles ... auf das leben schauend, denn nur da können wir etwas tun.

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  3. auch meine gedanken sind ganz oft in graz und bei denen, die ihre lieben verloren haben, die dieses grauen miterleben mussten. in den gedanken verwahren, damit nicht vergessen wird. ich finde es gut, dass du eine kerze anzünden gehst, würde ich in graz wohnen, so würde ich das gleiche tun. stattdessen brennt eine imaginäre kerze in meinen gedanken und erinnerungen.

    und auch an dich denke ich oft.
    wenn der kopf wieder ein wenig freier ist, werde ich dir ein paar worte schicken, du liebe! habs gut. du und deine lieben!

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  4. Mir fehlen die Worte angesichts dieser Tragödie... Wo Worte fehlen, können Gesten oft ein stärkeres Zeichen sein. Fühl Dich gedrückt.

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  5. Ich denke an euch, es ist gut aufs Leben schauend Hoffnung zu tragen, gerade im Herzen. Liebe Grüße Ghislana

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  6. Liebe Ulma,
    Dein Text berührt mich sehr…denn, wie weiter? frage ich mich fast jeden Tag bei all diesen schrecklichen Nachrichten von Hass, Grauen, Intoleranz und ihrem gewaltsamen Ausdruck. Am Samstag in Graz, heute im Süden Frankreichs, in Tunesien, … morgen vielleicht wieder in einer Schule. Ich bin sprachlos und möchte mich nicht von der Angst überwältigen lassen. Wollen wir nicht alle das Gleiche ? Glück, Liebe, Zusammensein, Frieden … nur irgendwie scheint es nicht zu klappen … wieso ? wie weiter?
    Herzlichst,
    Claudine

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  7. Ein berührender Text. Weiter ohne Worte, Du hast alles gesagt.

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  8. Ich glaube nicht, dass die Welt schlimmer geworden ist, wie so viele glauben - schlimmer als wann? Und wo schlimmer? Aufs Wo muss man ja auch immer schauen. Das Grauen ist in unserem Alltag - in dem derer, die das Glück haben, dort zu leben, wo Armut nicht bedeutet, seine Kinder verhungern zu sehen - unsichtbarer geworden, es ist eben nicht Alltag, es ist Ausnahme, die uns mitunter trifft, oder Schmerz, wo wir freiwillig genauer hinsehen, ferner Schmerz, der uns im Alltag nicht persönlich betrifft, sondern in der Abstraktion. Und zugleich ist es so viel mehr Elend, wo dem wir etwas mitbekommen - Elend aus der ganzen Welt, in Wort und Bild und Diskussion, alles auf einmal, nicht zu filtern, so dass wir zwangsläufig manches an uns heranlassen, anderes nicht, weil es sonst gar nicht vorwärtsginge und auch: nirgendwohin. Wenn man nicht alles (er)tragen kann, weil man sonst keinen Schritt mehr tut, muss man eine Auswahl treffen.

    Dich hat dieses sonst ferne, abstrakte Grauen jetzt ganz nah getroffen, haarscharf an Dir vorbei und damit doch irgendwie mitten hinein in Dein Leben. Und ihr seid ohnehin noch so verwundet. Du machst das so gut, so lebendig, so dem Leben zugewandt, ohne Dich von dem Grauen abzuwenden. Aber seine Zeit braucht es ganz bestimmt, und die neue Normalität wird ein wenig anders heranwachsen als die alte. Wie immer nach einem Schlag. Solange Du nur weiterwächst, ist alles gut, soweit es gut sein kann - und das kann und darf es, denn es gibt ja nichts anderes als das Leben. Essen und schlafen und lieben und arbeiten und trauern und weitermachen, das ist nicht profan.

    Ich bin froh, dass euch nichts passiert ist.

    Liebe Grüße
    Maike

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danke für deine zeit.